Montag, 22. März 2010

Erschienen in der Taz vom 18.3.2010

Komm in den verwilderten Garten

AUFTAUEN Nah dran an den Figuren: Die Debütantin Katrin Seddig beschreibt Selbstfindungen unter schwierigen Umständen - "Runterkommen"

Das Rosenstübchen ist schon ein spezieller Ort. Plastikschneeglöckchen bringen einen Tupfer Dunkelweiß ins nikotinsatte Braun der Kneipe irgendwo in Hamburg. Doreen, die Wirtin, glänzt mit einem großen Ausschnitt, wechselnden Affären, und jeder der Stammgäste weiß Bescheid.

Nicht gerade das Ambiente, das für Selbstfindungsprozesse ideal erscheint. Und doch ist genau diese Kneipe in Katrin Seddigs Debütroman "Runterkommen" der Ort, an dem Erik, einem Anwalt, der jeden Geschmack am eigenen Leben verloren hat, die ersten Stücke aus seinem selbst gezimmerten Panzer aus Gleichgültigkeit brechen. "Kaum ist man drin, schon ist man drin", beschreibt Seddig seine erste Ankunft im Rosenstübchen. Er fühlt sich etwas overdressed zwar, aber doch gleich von den richtigen Fragen angesprochen. "Solche Dialoge gefallen ihm. So müsste das Leben laufen. Bier? Ja. Schlafen? Ja. Frau Meske? Nein. Pinkeln? Ja. Büro? Nein. Sex? Ja."

Aber so läuft das Leben eben nur in Ausnahmefällen. Dass sie die Sehnsucht nach klaren Ansagen und eindeutigen Entscheidungen teilen, bringt Doreen und Erik, Doreens Cousine Dani und den Künstler Tom zwar zusammen, aber einfach sind ihre Beziehungen dann doch nie. Meistens sogar zum Verzweifeln kompliziert. Dani zum Beispiel erträgt keine körperlichen Berührungen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht verlieben kann, nur dass ihr Kopf dabei die Rolle des Körpers übernehmen muss. Ihrer nie zu befriedigenden Begehrensstruktur verdankt der Roman einige skurrile, traurige und dennoch auch verführerische Szenen. Der Augensinn, fremde Nacktheit, durch ein Fernglas beobachtet, spielt dabei ebenso eine Rolle wie stellvertretende Befriedigung.

Dieser ungewohnte Blick auf den Sex, der keinerlei exotischer Aufpäppelung bedarf, um anrührend zu sein, ist eine der erzählerischen Stärken der Autorin. Katrin Seddig, knapp Anfang vierzig, besticht aber auch durch den äußerst knappen Duktus ihrer Sprache, die stets nah dran an den Figuren ist, einen oft sogar in deren Fühlen und Denken gerade dort mitschwimmen lässt, wo sie sich unsicher und nur zentimeterweise vorantasten.

Was an Konflikten anfällt, fällt im Leben eben so an. Zum Beispiel, dass Erik mangels Ehrgeiz seinen Job als Anwalt verliert. Bevor Danis brennende Blicke ihn aus seinem Dornröschenschlaf reißen, will er eigentlich nur seine Ruhe haben. Solche Gemütslagen nicht zu verspotten, sondern zum Ausgangspunkt einer Geschichte des Auftauens, einer sich langsam wieder schärfenden Wahrnehmung der Außenwelt zu nehmen, verrät eine große Liebe zum Alltäglichen. Man möchte diese Figuren gern wie eine Familie zusammenhalten und keinen aus den Augen verlieren. Am Ende führt die Autorin eine Situation herbei, in der das sogar möglich ist. Am Kaffeetisch im verwilderten Garten von Eriks Einfamilienhaus tauchen nicht nur seine geflüchteten Kinder, sondern auch alle anderen wieder auf. Das ist zwar etwas viel Wunscherfüllung. Gern liest man das trotzdem.

KATRIN BETTINA MÜLLER

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